Aktuell
Rauchzeichen wären besser
Selbstversuch: Wer mit dem Fahrrad durch Russland fährt, erkennt, dass ein neuer Kalter Krieg eine Erfindung der Medien ist.
lesen
Schuld und Unschuld des Josef K.
FOLIE: Franz Kafkas Weg zum Romancier begann mit einem Plagiat. Eine kleine Beweisführung.
lesen
Der Fall von Amstetten - Dr. Jekyll und Mr. Hyde
Der Fall von Amstetten ist ein ländliches Phänomen
lesen
Neuerscheinung
Roman:
No
ISBN 978-3-937717-23-4 (WG 1 112)
192 Seiten, Softcover
€ 14,80
Erscheinungstermin: 25. Mai 2008
Hörbuch:
ISBN 978-3-937717-30-2 (WG)
5 CDs , 8 Seiten Booklet
€ 22,80
Erscheinungstermin: 5. September 2008
Buch hier kaufen
Fahrradreise
Einmal Wolga und zurück
Die schönsten Bushaltestellen der Ukraine
NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, 03. März 2008
По-русски: Немецкий писатель приехал в Ростов на велосипеде.
КТО ГЛАВНЫЙ, Oктябрь 2007
Essays
Das doppelte Zarentum
Gewaltenteilung an der Spitze der Macht, das ist etwas Neues für Russland - wie alkoholfreies Bier
FREITAG 10/2008
weiterlesen
Der Zar ist weit, das gilt in Russland auch heute noch, auch für "nasch Putin", unseren Putin, den Deutschen im Kreml, der keinen Wodka trinkt, Sport treibt, regelmäßig die Kirche besucht, pünktlich und diszipliniert arbeitet, und zwar nicht nur, wie Friedrich II., als erster Diener, sondern als erster Sklave (Fischer Jäger Pilot) des Staates, dessen Plan die Entwicklung des Landes fördert, den Wohlstand mehrt etc. Schließlich und endlich wuchs er als Waise in St. Petersburg auf, er kennt seinen Dostojewski, wie die Leute in Piter sagen, "den Geruch nasser Steine im Hausflur", das Haus, in dem Raskolnikov die Wucherin Lisaveta und deren schwachsinnige Schwester erschlug, um ein großer Mann der Geschichte zu werden und die napoleonischen Träume zu erfüllen. "Dostojewskis Klage, wo Staraja Rus versteckt ist" (Gennadij Gor), hat der Zar aus dem Volk nicht vergessen, auch unter seiner Tarnkappe nicht, die ihm half, alles über das Land zu erfahren, so, wie der Sultan in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht unerkannt durch Bagdad schleicht. Denn nicht die Lämmer schrieen in seiner Kindheit, sondern Makarenko-geschulte Erzieher, welche die 900-tägige Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht überlebt hatten, das Massensterben, Hunger und Kannibalismus. Nachzulesen in gespenstischer Intensität in den Gedichten von Gennadij Gor (1907-1981), die unter dem Titel Blockade von Peter Urban erstmals ins Deutsche übersetzt wurden (Gennadij Gor, Blockade, Edition Korrespondenzen, Wien 2007).
In Deutschland stellt man sich Russland oft als monolithischen Machtblock oder als Marionetten-Theater vor - oben zieht einer die Fäden und die anderen tanzen. Abgesehen von der im Ausland weitgehend unbekannten Konkurrenz der Sicherheitsdienste (Militär, Geheimdienste, Miliz), sind diese Bilder schon deshalb arg getrübt, weil sie die russische Mentalität missachten, den Witz der in Russland lebenden Völker, den Sarkasmus und schwarzen Humor, die Selbstironie und die theatralischen Aspekte in der Selbstdarstellung der Macht. Die Deutschen sind nirgendwo so unbeliebt wie in Deutschland, die Russen lachen über niemanden so gern wie über sich selbst, allerdings nicht im Beisein radikaler Touristen, die mit dem Demokratie-Lineal durchs Land reisen. In russischen Witzen ist nicht der andere der Versager, und wenn der Russe gewinnt, dann durch Bauernschläue oder Tollpatschigkeit.
Du sollst den Ast absägen, auf dem du sitzt, bevor es ein anderer tut! rät ein russisches Sprichwort. Ein Minister zum Thema Umweltschutz: "Wer lange leben will, muss weniger atmen".
Russlands Geschichte: Es ist Oktoberrevolution, der Großvater, ein zu Wohlstand gelangter, früher Sozialist, sagt zur Enkelin: Was wollen die Leute? Weshalb dieser Lärm auf den Straßen? Tochter: Die Leute demonstrieren, sie wollen, dass es keine Reichen mehr gibt! Großvater: Komisch, wir träumten in unserer Jugend, dass es keine Armen mehr geben sollte.
Die Geschichte verlangt ziemlich viel von den Menschen in Russland. Gestern Lenins Materiedefinition, der Kommunismus mit Nähzirkel und Blechorden, heute die qualvolle Aneignung westlicher Effizienz, das Leben nach den Prinzipien der Selektion, dem Ja-oder-Nein-Dualismus, bekenne oder schweige, erweise dich als Besitzer einer Geldkarte oder verschwinde, Überflüssiger! - Was passiert heute eigentlich mit den Menschen, die, wie Franz Kafka, Angst vorm Telefonieren haben?
Kaum ein Mensch in Russland ist so dumm, die Regierung für die Entwicklung des Landes verantwortlich zu machen, denn alle wissen, dass der Staat nicht nur stark, sondern im gleichen Maße schwach ist, dass er als Parodie oder als Naturgewalt auftritt. Russland als moralisches Vorbild für die ganze Welt, als Alternative zu Gold und Technik im Westen, dieser (Alb-)Traum Dostojewskis hinterließ bescheidene Ansprüche. In Deutschland definiert man Schuld vielleicht über Auschwitz, in Russland darüber, ob Brot im Haus ist. Die "Solidar-Beziehungen" sind nicht wie in Deutschland institutionalisiert, verstaatlicht, kommerzialisiert, sie bleiben in der Sphäre des Privaten. Angesichts der weit verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber jedweder Politik, ist das eigentliche Wunder, dass Russland überhaupt eine Regierung hat.
Dostojewski meinte, der Staat sei für die Mittelmäßigen da. Kaum ein Land wurde jemals auf der Höhe seiner Möglichkeiten regiert, doch "Russland ist in den letzten fünfzehn Jahren trotz aller inneren Schwankungen bei weitem freier geworden als es zu jedem anderen Zeitpunkt seiner Geschichte gewesen ist", meint der Schriftsteller Viktor Jerofejew. "Die Freiheit vor allem im Privatleben hat nie gekannte Ausmaße erreicht und ist kaum wieder zurückzunehmen. Was immer der Westen über den Zustand russischer Freiheiten sagt." Viele meinen, die jetzige Regierung sei die erste in der Geschichte Russlands, der die Probleme des Landes bekannt wären. Russland, das sind immerhin knapp einhundert Völker, Tschuwaschen und Armenier, Baschkiren und Aserbadschainer, Juden und Deutsche, auch die Kalmücken und die Tuwiner möchten ihre buddhistische Kultur pflegen, und die Schamanen im Altai wollen für Räucherstäbchen keine Steuern bezahlen.
"Vsjo budet Coca-Cola" - "Alles wird Coca-Cola", das war im letzten Sommer 2007 die am häufigsten in Russland zu sehende Werbebotschaft. Der Spruch ist etwa so zynisch wie jener der Deutschen Bank nach dem Fall der Mauer: "Aus Ideen werden Märkte!" Aber die Ankündigung zeigt, wo die Reise hingeht. Die Lokomotive läuft. Russland entwickelt sich zum weltweit drittstärksten Wachstumsmarkt nach China und Indien. Der Kapitalismus kommt bei den kleinen Leuten an. Eine Bibliothekarin in der Provinz, die vor kurzem noch nicht wusste, wozu man ein Konto bei der Bank braucht, kann sich heute eine Wohnung auf Kredit kaufen. Sushi-Essen ist die große Mode.
Und so passt das Gesicht des neuen Zaren Dimitri Medwedjew, der ein jüngerer Bruder des alten ist, zu Russlands radikalem Aufbruch in die Moderne. Verdächtige Schattierungen sind aus seiner Biographie nicht bekannt, er ist ein höflicher, junger, dynamischer Mensch, der sich auszudrücken weiß, ein Deep-Purple-Fan, dessen Gattin einen VW Golf fährt, Baujahr 1999.
Weshalb gerade dieser Jurist und Manager ausgewählt wurde, wissen in Russland die Think-Tanks, die Denkfabriken. Auch wenn diese nicht öffentlich tagen, so leisten sie doch ihre Arbeit. Wer daran zweifelt, unterschätzt Russlands Elite, die seit Jahren gesamtstrategisch handelt.
Der neue Zar scheint "völlig tugendlos und das bremst auf angenehme Weise den Flug des russischen Traums. Ganz schüchtern sagt man, er sei ein Demokrat. Niemand aber hat seinen Demokratismus je gesehen oder gehört." (Andrej Komov, Das friedliche Leben).
Man darf die Behauptung wagen, dass Putin und Medwedjew zusammen arbeiten werden wie ein Schweizer Uhrwerk. Denn eine listigere PR-Strategie als der ganzen Welt zu zeigen, wie kollegial und freundschaftlich Russland regiert werden kann, während die Weltpresse nach Streit und Spaltung lechzt, hätten auch amerikanische Think-Tanks sich nicht ausdenken können. Putin, der als Retter Russlands in die Geschichte eingehen möchte, ordnet sich ein, aber nicht unter. Zwar rätseln manche Staatsbeamte schon, welches Porträt sie künftig in ihren Amtsstuben aufhängen, das des alten oder das des neuen Zaren, auch von offiziellen Anfragen diesbezüglich wird berichtet. Doch der alte Zar ließ bereits bekannt geben, das sei jedem selbst überlassen. Gewaltenteilung an der Spitze der Macht, allein diese Botschaft ist etwas Neues für Russland - wie alkoholfreies Bier.
Ein positiver Vorschlag zuallerletzt: Es ist längst an der Zeit, ein deutsch-russisches Kultur-Fernsehen zu gründen, vergleichbar den Sendern arte oder Kultura. Der Bedarf an Verständigung und Aussöhnung zwischen Deutschland und Russland ist um einiges größer als es der zwischen Deutschland und Frankreich war.
Wer hilft dem Jobcenter?
Wie Gregor, 58 Jahre alt, zum ersten Mal in seinem Leben mit der Faust auf den Tisch schlug
FREITAG 02/2008
weiterlesen
Gregor hat Mühe, den ersten Satz des Briefes zu verstehen. "Die Entscheidung über die Bewilligung von Leistungen nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch wird vom 01.04.2006 bis 31.12.2006 teilweise in Höhe von 526 Euro aufgehoben." Er liest weiter. "Hierbei wird eine Differenz von jeweils 2 Euro für Januar, Februar und April 2006 zu Ihren Gunsten verrechnet." Zwei Euro zu seinen Gunsten, wofür?
Gregor ist 58 Jahre alt, vor einigen Wochen hat er den Vorruhestand beantragt. Mit Akkordeonunterricht verdient er sich etwas Geld. Das ist beim Amt bekannt, er rechnet seine Einnahmen ehrlich ab, 100 bis 200 Euro im Monat.
"Sie haben Einkommen oder Vermögen erzielt, das zum Wegfall oder zur Minderung Ihres Anspruchs geführt hat, es wurden somit Leistungen in nachfolgend aufgeführter Höhe zu Unrecht gezahlt, es ergibt sich somit eine Gesamtforderung gegen Sie in Höhe von 520 Euro." Sechs Euro waren tatsächlich verrechnet worden. Nie besaß Gregor ein Vermögen, nie hatte er auch nur ein Guthaben auf dem Konto. Er raucht zu viel, manchmal zwei Schachteln Zigaretten am Tag, deshalb reicht das Arbeitslosengeld nicht, um ein Vermögen anzusparen.
Die wichtigste Information folgt fettgedruckt. "Die Kasse teilt Ihnen die Zahlungsweise, die Fälligkeit, das Kassenzeichen und die Bankverbindung noch gesondert mit. Wenn Zahlungsverpflichtungen trotz Mahnung nicht eingehalten werden, lässt sich die Zwangsbetreibung der gesamten Forderung nicht vermeiden. Mit der Einleitung von Vollstreckungsmaßnahmen gelten eingeräumte Zahlungserleichterungen als widerrufen. Evtl. weitere Forderungen werden durch diesen Bescheid nicht berührt."
Niemand hat ihn zu diesem Sachverhalt befragt. Gregor erwartet eigentlich Geld vom Jobcenter. Im Januar kam keine Zahlung von dort, auch keine Nachricht. Das Geld für die Januarmiete und fürs Essen musste er sich bei Freunden borgen.
Jobcenter, das Wort quietscht in seiner Ohren wie ein nasser Turnschuh. Gregor liebt Gedichte von August Stramm oder Nachtsommer von Adalbert Stifter, Verrat in den Worten erkennt er. Nur die letzten zwei Sätze des Briefes öffnen ein Türchen. "Gegen diesen Bescheid ist der Widerspruch zulässig. Der Widerspruch ist schriftlich oder zur Niederschrift bei dem im Briefkopf genannten Leistungsträger einzureichen, und zwar innerhalb eines Monats, nachdem dieser Bescheid bekannt geworden ist." Ein Blick auf den Kalender zeigt ihm, dass er sich noch drei Nächte gedulden muss, bevor er herausfinden kann, ob der Gerichtsvollzieher kommt. Freitag oder Sonnabend erreichen ihn oft die schwierigen Briefe. Die Behörden schicken die Ergebnisse ihrer Wochenarbeit raus.
Er ruft Freunde und Bekannte und andere Arbeitslose an. Er lässt sich die Formulierungen erklären. Im Juli und August vorigen Jahres hatte er 520 Euro hinzuverdient, erinnert er sich. Er hatte Akkordeon in einem Puppentheater gespielt, für zehn Euro am Tag. Er wollte dem Amt zeigen, dass er Geld verdienen kann, damit er nicht für eine Strafarbeit eingesetzt wird. In eine staatliche Maßnahme zu kommen, etwas tun zu müssen, was ihm sinnlos erscheint, davor hat er am meisten Angst.
Gregor müsste vieles erst lernen, bevor er einen 1-Euro-Job annehmen könnte. Sich die Schuhe zu binden, pünktlich zu Verabredungen zu erscheinen, weniger als 20 Tassen Kaffee zu trinken, nicht unaufhörlich zu reden, herumzuzappeln, zu singen, mit den Fingern auf die Tischplatte zu klopfen, Schachzüge und Gedichtzeilen zu zitieren, Anekdoten aus der Tierwelt zu berichten. Man müsste ihm das Vertrauen beibringen, dass keine drei oder vier Wecker nötig sind, ihn aus dem Schlaf reißen.
Montagmorgen acht Uhr, nach drei durchwachten Nächten, ruft Gregor das Jobcenter an. Der Anschluss ist immerzu besetzt. Auch nach 88 Versuchen. Gregors Zählzwang wirkt vor allem bei großer Müdigkeit.
Er versucht es bis Mittag. Er könnte hinfahren, einen Termin bekommen. Die Frauen dort findet er so nett, er möchte bei jedem Besuch mit ihnen Zigaretten rauchen, sie am liebsten zum Kaffee einladen.
Er isst einen Apfel, riecht an ihm und dankt aus ehrlichem Herzen dem Staat, der ihm diese Kostbarkeit schenkt. Nie vergisst er, was ihm alles geschenkt wird, Schachzeitungen, Zigaretten, die Wohnung, die Heizwärme, das Licht.
Dienstagmorgen fährt Gregor persönlich zum Jobcenter. Er zahlt nur Kurzstrecke und hofft, nicht erwischt zu werden. Er muss nicht lange warten, nur wenige Minuten, schon wird er aufgerufen. Die Sachbearbeiterin ist Raucherin, der Aschenbecher steht auf dem Tisch. "Können wir zusammen rauchen, schön gemütlich?" fragt Gregor. Die Frau schmunzelt. Das sei leider nicht gestattet. "Wäre das Bestechung, wenn Sie eine Zigarette von mir annehmen?" fragt er. Sie ist jung, Mitte zwanzig, und Gregor sieht an diesem Morgen aus wie ihr Uropa.
Gregor erklärt, er verstehe dieses Schreiben nicht. Die Frau fragt: "Haben Sie schon ein Schreiben bekommen, dass Sie sich dazu äußern sollen?" Nein, hat er nicht. Er will sich jetzt äußern.
Die Frau blättert in den Unterlagen, blättert vor, zurück, liest einige Zahlen laut vor. Gregors Honorare in den letzten Monaten. Einige Zahlen, welche die Frau nennt, sind korrekt, andere nicht.
Vielleicht habe man fälschlicherweise seine Einkünfte aus den beiden Sommermonaten fürs ganze Jahr vorausgesetzt?
Gregor, der gerne mit Primzahlen rechnet, dessen beste Schachpartien in Zeitschriften abgedruckt waren, der eine CD mit Orgelmusik von Bach und Mozart bespielte, Gregor kann das A in ABRECHNUNG nicht aussprechen. Er stottert sonst nur, wenn er mehr als zwanzig Stunden geschlafen hat, aber jetzt ist er doch sehr aufgeregt.
Die Frau prüft weiter seine Dokumente, vergleicht einige Angaben im Computer. "Der Computer hat einen Fehler gemacht", sagt sie. "In der Maske steht ›unbegrenzt‹, das müsste geändert werden, viele Kollegen vergessen das", erklärt sie.
Gregor denkt bei dem Wort Maske an Schamanen. Die Frau erklärt, dass der Computer selbständig etwas berechnet, worauf sie keinen Einfluss hat. Gregor sagt: "Das geht mir oft genauso!"
Die Frau gibt ihm Ratschläge, wie er sich gegen die Zahlungsformulare, die er bald bekommen wird, wehren kann, wo er widersprechen und anrufen muss, damit Vollstreckungsmaßnahmen nicht vollzogen werden. Gregor notiert sich alles und lässt sich gleich auch die Anträge für die Befreiung von der Rundfunkgebühr abstempeln. Alle halbe Jahre könnte er das machen, meistens vergisst er es.
Gregor fragt die Frau, ob es richtig sei, dass er bestimmte Fristen einhalten muss, obwohl das Jobcenter selber solche Fehler macht. "Wer sich an die Spielregeln hält, hat nichts zu befürchten", meint die Frau. "Wer Arbeit will, erhält von uns Beratung. Deshalb sprechen wir von Kunden. Wir arbeiten hier im Team, da kann es schon mal passieren, dass zwei Teammitglieder unterschiedliche Entscheidungen treffen."
Ein Verwaltungsakt ist immer ein korrekter Vorgang, auch wenn er dreimal am Tag geändert wird, das hat Gregor inzwischen begriffen.
Die Frau verspricht Gregor, dass er sein Geld bald bekommen wird. "Privat würde ich mich auch ärgern", sagt sie.
Zu Hause versucht er die drohende Pfändung aufzuhalten. Am Telefon erklärt man ihm, dass er, bevor ein schriftlicher Widerspruch möglich sei, zunächst den schriftlichen Widerspruch vorlegen müsse, den er beim Jobcenter eingereicht habe.
Er wartet auf dieses Schreiben, doch es kommt nicht. Auch das versprochene Geld wird nicht überwiesen. Gregor fährt wieder zum Jobcenter. Zwei Monatsmieten ist er bereits im Rückstand. Diesmal wird er ein anderes Team-Mitglied verwiesen. Die Frau kann keinen Computerfehler entdecken. Sie sagt, in seiner Akte fehlten wichtige Unterlagen, die er nachreichen müsse. Gregor sagt, dass er dies bereits getan habe. Eine Stunde lang streiten sie. Dann entdeckt die Frau die Honorarabrechnungen, die angeblich fehlen sollen. Die alte Berechnung sei aber dennoch richtig, meint sie.
Zum ersten Mal in seinem Leben schlägt Gregor mit der Faust auf den Tisch. Er werde erst gehen, wenn er Geld erhalte, sagt er.
Ein Sachbearbeiter aus dem Nebenzimmer eilt herbei. Es ist der Teamleiter persönlich. Stotternd erklärt Gregor seine Verärgerung. Der Teamleiter wird den Vorgang prüfen. Er ist der Verfasser des Briefes, in dem Gregor die Pfändung angekündigt wurde. Gemeinsam klären sie die Missverständnisse. Der Teamleiter bestätigt den Befund, dass der Computer einen Fehler gemacht habe. Gregor erhält sofort sein Geld, er kann es bar mit nach Hause nehmen.
Der Teamleiter verabschiedet ihn mit der Bemerkung, man werde Integrationsmaßnahmen für ihn vorbereiten. "Akkordeon können Sie auch in Altersheimen spielen", sagt er.
Siegesrausch
Dostojewskijs "Böse Geister" war der erste Terrorismus-Roman der Geschichte
FREITAG 06/2007
weiterlesen
Im Jahr 1872 veröffentlichte F.M. Dostojewskij Böse Geister (Die Dämonen), den ersten Terroristen-Roman der Geschichte. Dostojewskijs Anti-Helden haben mit den Attentätern des 11. September 2001 einiges gemeinsam. Sie entstammen der Mittelschicht, sind jung, gehören zur Bildungselite oder haben zu ihr Kontakte. Sie reisen in den Westen, leben dort einige Jahre angepasst, bevor sie (in ihrer Heimat) zu Gotteskriegern und fanatischen Nihilisten werden. Auch damals fand eine Globalisierung statt, der Bau der Eisenbahn verband Russland und Europa. Die Verkehrswege wurden kürzer, ein Vergleich der Kulturen setzte ein, und aus dem Westen kamen die Maßstäbe, die Industrialisierung, der "aufgeklärte Eigennutz". Das Bewusstsein hatte in der Nützlichkeit seine Bestimmung gefunden, wie von Hegel erwartet. Es macht sich zum Objekt für die Wissenschaften und sucht im kausalen Denken neuen Halt, löst das Erlebnis durch die Erklärung ab. Für Gottfried Benn war dies später der eigentliche Epochenbruch Mitte des 19. Jahrhunderts.
Vielleicht hatte einer der Attentäter von 9/11 einen Stepan Trofimowitsch zum Vater oder als Erzieher. Stepan Trofimowitsch ist so begeistert von den Ideen der Gerechtigkeit, welche aus Westeuropa in die russische Provinz vordringen, dass er den kleinen Nikolai Stawrogin sogar nachts aus dem Schlaf reißt, um ihm von der schönen rationalen Zukunft zu erzählen, die bald auch in Russland anbrechen soll. Mit den nächtlichen Umarmungen "gelang es Stepan Trofimowitsch, die tiefsten Saiten im Herzen seines Freundes zu berühren und die erste, noch unbestimmte Sehnsucht zu wecken, die manche auserwählte Seele, nachdem sie einmal von ihr gekostet und sie erkannt hat, niemals mehr gegen wohlfeile Befriedigung eintauschen möchte."
Manchmal weint Stepan Trofimowitsch am Bett seines jungen Freundes. Ideen sind offenbar nicht alles, der Mensch hat Schwächen, fühlt sich vielleicht selbst als Versager. Was hilft der Gerechtigkeitssinn, wenn man sich doch schuldig fühlt. Die Rationalität kann die nächtlichen Tränen nicht erklären. Und so bittet der Lehrer das Kind um Rat, wie er sich bessern kann. "Es ergab sich irgendwie ganz natürlich, dass zwischen ihnen jede Distanz fehlte." Der Arzt hat sich zum Patienten ins Bett gelegt und erzählt begeistert von Europa. Die Deutschen vor allem seien die Lehrmeister, denn "Russland ist ein viel zu großes Missverständnis, als dass wir es aus eigener Kraft aufklären könnten, ohne die Deutschen und ohne Arbeit", meint Stefan Trofimowitsch, der Westler und Aufklärer.
Das Ende der Leibeigenschaft, liberale Justizreformen, die Öffnung der Universitäten für Frauen, der leichtere Zugang zu westlichen Publikationen entfalten in Russland eine Dynamik, in der Weltuntergangswünsche gut gedeihen. Die Terroristen wollen zerstören, was sowieso auf der Abfallhalde der Geschichte landen wird - Respekt vor Autorität, das Bewusstsein für Differenzen, Adelstitel, geschenkte Privilegien, Rechtsempfinden, Besitz, Freiheit. Aber sie wollen die Zerstörung als Theater. Sie wollen selbst die Brandstifter sein und nicht warten, bis moderne Rechtsinstitutionen Vernichtungspolitik betreiben, bis Deportation und Völkermord legal stattfinden, mit dem Segen von Volksgerichtshöfen oder im Namen des Volkes auf Grund von Paragraphen. Es sind die Abenteurer des Bösen, welche der neuen Zeit vorausreiten.
Stawrogin heiratet eine schwachsinnige Frau. Weil das Schändliche und Sinnlose dieser Hochzeit ans Geniale grenzt, reizt es ihn. Auf den Vorwurf, er wisse nicht, wonach er suche, antwortet er lachend: "Nach einer Bürde." Nicht der Verlierer, sondern der Überflüssige reklamiert das Recht auf seine Anwesenheit und auf seine Macht. "Die Feigheit in sich zu besiegen, das war es, was sie reizte. Immerwährender Siegesrausch und das Bewusstsein, keinen Bezwinger zu haben - lockte und trieb sie ständig von neuem an." Das Gefühl der Gefahr sei zu einem Bedürfnis ihrer Natur geworden.
Thomas Mann nannte Stawrogin die "unheimlich anziehendste Figur der Weltliteratur". Eine "rationale Verbitterung, die abscheulichste und fürchterlichste Form, die es geben kann", habe Stawrogin als Erwachsenen ausgezeichnet, meint der Erzähler des Romans. Nihilisten streben nicht nach irdischem Glück, sie verachten es.
Gott ist tot, doch was folgt daraus? Man erkennt einen Menschen an seinem Lachen, meint Dostojewskij. Er schildert seine Figuren wie ein Verhaltensforscher, auch die Verrückten und die Kinder sind bei ihm vollwertige dramatische Figuren. Dostojewskij entdeckt, wie tief das Bewusstsein sich spaltet, wenn es ganz auf das Diesseits gerichtet ist. Plötzlich besteht kein Unterschied mehr zwischen einem wollüstigen perversen Akt und einer Heldentat, denn Aufsehen erregen sie beide.
So verzerren sich die Ideen. Schatow ruft das russische Volk als Gottesträger aus, das dereinst die Welt erneuern und erlösen werde, Stawrogin spottet schon über diese Mission, die er einige Jahre zuvor noch gepredigt hat. "Die letzten Herrensöhnchen haben den Unterschied zwischen Gut und Böse verlernt, weil sie ihr Volk nicht kennen". Die Arbeiter der Fabrik werden mit Flugblättern aufgehetzt, sie zünden die Vorstädte an.
Stepan Trofimowitsch, verlacht von der Jugend, deren Partner er sein wollte, fantasiert von der abscheulichen Parasitenrolle der Russen unter den Völkern - "die Russen müssten ausgerottet werden zum Wohle der Menschheit". Selbst die Studentin, deren Privileg, studieren zu dürfen, neu war, will dieses Neue nur weghaben, will hassen.
Die Regierung ist überfordert und wirkt lächerlich, wie so oft in historischen Krisen. Der Gouverneur weint, seine Frau fällt in Ohnmacht oder regiert nach den Ratschlägen der Terroristen, mit denen sie in geheimer und offener Verbindung steht. Die Literatur tritt parfümiert auf in dieser Endzeit, der arme Turgenjew musste als Vorbild für die historische Verblendung und Ahnungslosigkeit dienen.
Die Prozesse, die Marx mit dem Begriff der Entfremdung beschrieb, erkannte Dostojewskij als menschliche Tragödie. Vom Staat sei keine Rettung zu erwarten, er sei eine Gefahr, weil er benutzt werden könne. Stawrogin und Werchowenskij, dem Kalten und dem Fanatiker, fehlen noch die Möglichkeiten, die später Stalin oder Kim Il Sung haben werden.
Russland, wie alle Staaten mit einem industriellen Rückstand von mehreren Jahrzehnten, muss aus westeuropäischer Sicht immer versagen. Nie wird es hier so "gerecht", "friedlich" und "durchdacht" zugehen wie im Westen. Dass tatsächlich nur unterschiedliche Maßstäbe zu solchen Aussagen führen können, nur der Grad der Sublimierung in der Urteilsfindung verkannt wird, bemerken weder die Slawophilen noch die Westler. Dostojewskij bleibt allein mit seiner Beobachtung, dass Stawrogin und Werchowenskij sich an Europa rächen wollen, weil sie nichts zu seiner Entwicklung beitragen können.
Mindestens drei Fragen Dostojewskijs bleiben aktuell. Was passiert, wenn Menschen nur vor ihresgleichen Angst haben? Erzeugt die Lust den Fanatismus? Fördert Wissen den Fortschritt oder das Glück?
Erfahrungen mit der Unterschicht
Über das kälteste aller kalten Ungeheuer
BERLINER ZEITUNG, 25. November 2006
weiterlesen
Welche Probleme eine Unterschicht bereiten kann, weiß ich von der Armee. Unterschichtler sind aus der Sicht des Anleitenden giftige Zwerge, mit denen er Verträge abschließen, die er bemuttern und im Dreck robben lassen muss, mit denen er aber auch freundschaftlich diskutiert. Sie sind da, weil es sie geben muss. Mindestens jeder zehnte von ihnen würde dem, der ihm eine Anweisung erteilt und auf den Eid oder die Gesetze verweist, welche ihn zu dieser Anweisung berechtigen, am liebsten an die Gurgel springen.
Die wichtigste Aufgabe des Anleitenden besteht darin, mit Tätigkeiten zu drohen, um den Gedanken an die Sinnlosigkeit des Daseins nicht aufkommen zu lassen. Naturgemäß gibt es im Leben der Unterschicht lange Zeiten der Leere. Dies sind die gefährlichen Stunden für den Anleitenden. Sein Ideal ist daher der 24-Stunden-Dienst in einer 7-Tage-Woche. Der 24-Stunden-Dienst wird folgendermaßen unterteilt: 2 Stunden Arbeit, 2 Stunden Schlaf, 2 Stunden Ruhe. Ruhe bedeutet: sitzen und warten. Lesen ist erlaubt. Rauchen ebenfalls. Während der Arbeit ist das Rauchen verboten. Die Arbeit sollte vor allem eintönig sein.
Der Anleitende muss immer für den Ernstfall vorbereitet sein. Alles kann jederzeit passieren, Atomkrieg oder Naturkatastrophe. Dann muss alles ganz schnell gehen - Tiefschlaf, Alarmsirene, anziehen, Marschgepäck anlegen, Bewaffnung - Zeit: 7 Minuten. Wenn dieser Standard erreicht wurde, darf man die Zügel etwas locker lassen. Man kann abends mit der Unterschicht saufen. Man sollte die eigene Position dann sehr kritisch betrachten und jedem Vertreter der Unterschicht anbieten, die Rollen zu tauschen. In der Regel möchte das niemand. Denn auch die Anleitenden werden schließlich angeleitet. Nach oben hin ist man sich einig.
Nach unten bleibt es bei einer erkennbaren Regel. Man sollte die Härten vermeiden. Aus Eigennutz, aus Menschlichkeit, aus disziplinarischen Gründen. Die Drohung ist stärker als die Ausführung. Ist die Daumenschraube zu eng, ist bald kein Daumen mehr da. Aber, falls jemand die rote Linie übertritt, wird dieser Pakt gekündigt. Einseitig, sofort. Von oben erkennt man die Unterschicht nie, in keiner Epoche. Unterschichtler sind nämlich nicht blöd. Freiheiten, die sie sich gegen die Absichten der Gesetze und Vorschriften eroberten, werden sie kaum nach oben melden. Auch anonyme Befragungen erweitern die Kenntnisse nicht. Von der Wiege bis zur Bahre ist der Schnaps das einzig Wahre, keine Schrank- oder Taschenkontrolle kann das verhindern.
Natürlich ist der Staat, von unten betrachtet, immer eine komische und gefährliche Einrichtung, das kälteste aller kalten Ungeheuer. Je härter die Zeiten, desto gefährlicher. Dostojewski meinte, er sei für die Mittelmäßigen da. Doch von unten betrachtet ist eigentlich alles, was der Staat tut, Mittelmaß. Kaum ein Land wurde jemals auf der Höhe seiner Möglichkeiten regiert. Die Unterschicht aber spürt die Fehler des Staates, seine Schwächen, am genauesten. Das Erschrecken der Gesellschaft über das, was sich da unten ansammelt, setzt immer zu spät ein. Sonst wäre es kein Erschrecken. Ein Volk errötet nämlich nicht, wie Heinrich von Kleist schrieb. Es kann sich nicht belügen, nur in der Lüge leben.
Weitere Veröffentlichungen
Tschetschenien: Die Farben des Krieges
FREITAG 11/2007
Skaska, ein Märchen
FREITAG 4/2007
Ukraine: Giftmord
FREITAG 49/2006
Bürgergeld
FREITAG 38/2006
BND: Jongleure des Wortes
FREITAG 21/2006
SCHACH: Schwache Stelle für den König
FREITAG 18/2006
TRAUMBERUF SCHRIFTSSTELLER
FREITAG 11/2006
Einblicke in die soziale Marktwirtschaft
BERLINER ZEITUNG, 18.03.2006
LITERATUR: Das Schweigen der Sirenen
FREITAG 34/2005
TABAKSTEUER: Mehr rauchen!
BERLINER ZEITUNG, 24.09.2001
Wie Kafka Romancier wurde
AKZENTE 5/98, kafkaesk.de
William Faulkner
BERLINER ZEITUNG, 25.09.1997